Heute gespart, 2035 gesucht
Ein Drittel der Einstiegsstellen ist seit 2022 verschwunden. Die Spezialisten, die 2035 fehlen, hätten dort angefangen.

Schweizer Firmen schrieben 2025 rund ein Drittel weniger Einstiegsstellen aus als vor der KI. Die Zahl stammt aus 7,3 Millionen Stelleninseraten, verglichen wurden die Jahre 2019 bis 2022 mit den Jahren danach. Bemerkenswert ist weniger der Rückgang selbst. Bemerkenswert ist, dass sich kaum jemand darüber beschwert.
Wer heute eine Junior-Stelle besetzen will, findet Leute, schnell und ohne Aufpreis. In den Berufen, die am stärksten mit KI arbeiten, ist die Knappheit seit 2023 um 69 Prozent gefallen. Für einen Betrieb sieht das nach einem gelösten Problem aus.
Jedoch ist es der Anfang eines neuen Problems. Die Leute, die 2035 als Spezialisten gesucht werden, müssten heute anfangen. Sie fangen aber heute nicht an, weil die Stufe fehlt, auf der man anfängt.
Wo die Einstiegsarbeit verschwindet
Der Rückgang trifft bestimmte Berufe zuerst. Administration, Personalwesen, Banking und Finanzen, Marketing, Einkauf, Verkauf, Informatik. Büroberufe also, in denen sich vieles von dem, was ein Einsteiger tut, gut beschreiben lässt.
In genau diesen Berufen gingen die Junior-Inserate um 16 Prozent zurück, während die Senior-Inserate um 26 Prozent zunahmen. Die Arbeit bleibt. Sie wandert nach oben.
Dasselbe Muster zeigt sich in amerikanischen Lohndaten. Die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen in stark exponierten Berufen liegt rund 19 Prozent unter dem Wert, den sie ohne diese Entwicklung erreicht hätte. Entlassen wird dabei kaum jemand. Es wird weniger eingestellt.
Das macht die Sache leise. Eine Entlassungswelle steht in der Zeitung. Eine ausbleibende Einstellung steht nirgends.
Warum das gerade niemanden stört
Für einen Betrieb rechnet sich der Verzicht sofort. Eine Einsteigerin kostet im ersten Jahr ein volles Gehalt und bringt wenig zurück. Dazu bindet sie jemanden, der es schon kann und ihr erklären muss, wie das Haus funktioniert. Fällt diese Arbeit an ein Werkzeug, ist die Ersparnis im selben Budgetjahr sichtbar.
Der Preis erscheint in einem anderen Jahr. Wer heute entscheidet, muss die Lücke selten selbst füllen.
Wie Erfahrung entsteht
Wer nach dem Abschluss einsteigt, verdient zehn Jahre später rund 55 Prozent mehr. Zwei Drittel dieses Anstiegs entstehen im selben Job, ohne Wechsel. Der Zuwachs ist bezahlte Erfahrung.
Wo diese Erfahrung entsteht, lässt sich ziemlich genau sagen. In Berufen mit viel Routine hört das Lohnwachstum nach etwa vier Jahren auf. In Berufen ohne Routine läuft es über fünfzehn Jahre weiter. Gelernt wird dort, wo die Aufgaben wechseln und wo jemand danebensitzt, der es schon kann.
Der Weg dorthin führt über die einfachen Fälle. Das kleine Dossier, die Standardauswertung, die Anfrage, die schon hundert Leute vor einem beantwortet haben. Daran lernt man weniger den Inhalt als das Haus. Wie Entscheide hier zustande kommen, wen man fragt, was man besser zweimal prüft.
Drei Feldexperimente mit fast 5’000 Entwicklern zeigen, wo die Werkzeuge am meisten bringen. Junioren legten zwischen 21 und 40 Prozent zu, Erfahrene 7 bis 16. Die Hilfe ist genau dort am grössten, wo der Beitrag eines Einsteigers bisher lag.
Die Werkzeuge sind dort am stärksten, wo bisher gelernt wurde. Wer diese Aufgaben abgibt, gibt die Übungsstrecke mit ab.
Was dagegen spricht
Ein gutes Gegenargument stammt aus derselben Forschung. Wenn die Werkzeuge Einsteigern am meisten helfen, wird aus einem Einsteiger womöglich schneller eine erfahrene Person. Wer mit einem Modell arbeitet, sieht in einem Jahr mehr Fälle als früher in dreien. Der Weg nach oben wäre dann kürzer, statt wegzufallen.
Möglich. Die Studien messen bisher allerdings Tempo und nicht Urteilsvermögen. Und wer gar keine Stelle bekommt, sieht auch keine Fälle.
Was gleichzeitig läuft
Während der Eingang enger wird, geht am anderen Ende eine Tür auf. Die Babyboomer gehen in Pension, und zwar schneller, als Junge nachrücken. Im Jahr 2029 erreicht die Lücke ihren Höhepunkt. Dann treten über 30’000 Personen mehr aus dem Arbeitsmarkt aus, als neu hineinkommen.
Bis 2040 summiert sich das auf rund 431’000 Personen. Das sind etwa acht Prozent aller Erwerbstätigen von heute.
Für die Nachfrage nach Erfahrung heisst das eine Steigerung, und zwar über Jahre. Für das Angebot heisst es wenig. Wie viele erfahrene Leute es 2035 gibt, steht heute schon weitgehend fest. Es sind die, die jetzt drin sind, und die, die jetzt anfangen dürfen.
Wie so etwas endet
Was passiert, wenn ein Beruf zu wenige Leute hereinlässt, lässt sich in der Schweiz seit Jahren beobachten. In der Pflege schlossen 2024 rund 3’350 Personen ein Diplom auf Stufe Höhere Fachschule oder Fachhochschule ab. Gebraucht werden jährlich 6’700 bis 9’300. Die inländische Ausbildung deckt im mittleren Szenario 47 Prozent des Bedarfs.
Das Erschreckende daran ist die Vorlaufzeit. Diese Zahlen waren absehbar, lange bevor sie eintraten. Sie lassen sich trotzdem nicht schnell korrigieren, weil zwischen dem Entscheid und der fertigen Fachperson drei bis fünf Jahre liegen. In dieser Zeit wächst die Lücke weiter.
Eine Ausbildungslücke schliesst sich nicht in einem Jahr. Wer sie bemerkt, hat den Zeitpunkt zum Gegensteuern bereits hinter sich.
Warum niemand gegensteuert
Jede einzelne Firma rechnet richtig. Wer ausbildet, zahlt, und die ausgebildete Person kann danach gehen. Wer nicht ausbildet, spart und kauft die Erfahrung später auf dem Markt ein.
Das funktioniert, solange jemand anders ausbildet. Verzichten alle gleichzeitig, verschwindet der Markt, auf dem man einkaufen wollte.
Ökonomen beschreiben diesen Mechanismus seit 1999. Firmen zahlen allgemeine Ausbildung vor allem dann, wenn der Arbeitsmarkt genug Reibung hat und der Ausgebildete nicht sofort abgeworben wird. Sinkt die Reibung, sinkt die Bereitschaft zu zahlen. Niemand handelt falsch, und das Ergebnis ist trotzdem schlecht.
Was daraus folgt
Für einen Betrieb ist die interessante Zahl nicht die Ersparnis. Interessant ist, wie viele Leute im Haus zwischen einem und drei Jahren dabei sind, und ob es für sie noch Arbeit gibt, an der sie wachsen. Wer diese Schicht nicht mehr hat, kauft seine Erfahrung ab 2035 auf einem Markt ein, auf dem alle anderen dasselbe versuchen.
Für Berufseinsteiger verschiebt sich die Frage ebenfalls. Kanadische Steuerdaten über zwanzig Jahre zeigen, was ein schlechter Einstieg kostet. Wer in einem schwachen Jahr startet, verdient im ersten Jahr rund neun Prozent weniger als eine Kohorte mit besserem Timing. Nach fünf Jahren ist die Hälfte des Rückstands aufgeholt, nach zehn Jahren der Rest. Beim schwächsten Fünftel bleibt er.
Der Einstieg wirkt also länger nach, als er sich anfühlt. Bei der ersten Stelle lohnt sich deshalb der Blick darauf, wie viel Arbeit dort anfällt, an der man tatsächlich etwas lernt. Der Titel auf dem Vertrag sagt darüber wenig.
Der Markt für Einsteiger fühlt sich gerade entspannt an. Genau so fühlt sich der Anfang eines Mangels an.
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